Kapitel 5 – „Die hohe Kunst des E-Learning: Das Bauen hypertextueller Gebilde“ (Zusammenfassung)

Die japanische Erzählung von Muskat, die ihrem Sohn Zimt die gleiche Geschichte in immer wieder neuen Variationen erzählen muss, macht deutlich, wie diese Geschichte dadurch immer mehr an Tiefe, Weite und Raum gewinnt und sich dabei auch ihre persönliche Beziehung entwickelt. Daraus wird einerseits ersichtlich, dass das direkte Gespräch gerade in seiner Bedeutung für die Geschichtswissenschaft in seiner Begünstigung von kollektiver Intelligenz, Nachvollziehbarkeit, individueller Unterschiedlichkeit und Interdisziplinarität durch kein anderes Medium ersetzt werden kann und anstelle von Substitution vielmehr ein sinnvolles Zusammenspiel unterschiedlicher Medien unter Nutzung der spezifischen Vorteile gefordert erscheint.
Auf der anderen Seite kann hier eine Analogie zum spezifischen Potential von Hypertext gesehen werden, wo das schnelle Herstellen von tatsächlichen Bezügen in einem nachvollziehbaren und begehbaren Verweisungsgefüge das Hervorbringen eigener Kohärenzen und unerwarteter Entdeckungen durch produktives Verzetteln ermöglicht, in einem offenen Prozess, in dem sich Hypertext als Fragen- und Problemgenerierungsmaschine versteht und in Richtung Interdisziplinarität drängt. Dementsprechend wird hier Wissenschaft und Forschung als eine permanente Baustelle aufgefasst und ein Modus der Wissenserzeugung propagiert, der im Gegensatz zum hierarchisch, disziplinär und auf allgemeingültige Erklärung ausgerichteten traditionellen Konzept auf Kollektivität, Transdiziplinarität, zeitliche Begrenzung und raschen Wechsel setzt, wodurch dem direkten Gespräch sogar noch größere Bedeutung als bisher zukommt.

Angesichts dieses Versprechens stellt sich die Frage, warum die Möglichkeiten von Hypertext in der Geschichtswissenschaft bisher so wenig genutzt werden. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in einer auf das Buch ausgerichteten Wissenschaftskultur, in der die Arbeit mit Hypertext wenig Ansehen genießt und keine Anreize für kollektive Formen von Kreativität und Intelligenz bestehen, was gemeinsam mit der raschen technologischen Entwicklung bisher einen adäquaten Einsatz verhindert. Dementsprechend beschränkt er sich oftmals auf rasche Informationsbeschaffung ohne ansprechendes und sinnvoll integriertes Design, und das in der Hauptsache für organisatorische Zwecke und weniger für Diskussion und Reflexion von Inhalten, wohingegen Hypertext in der Historiographie wenig Akzeptanz findet, sowohl als Form geschichtswissenschaftlicher Erzählung als auch beim Zitieren. Dabei spielt trotz oft auch mangelhafter Werkzeuge vor allem das fehlende Wissen über sie eine wichtige Rolle.
Wesentlich ist hier aber auch die Komplexität der Aufgabe, der sich die AutorInnen vor allem beim gemeinschaftlichen Aufbau eines Hypertextes gegenübersehen, wobei Kohärenz als zentrale Herausforderung erscheint, sowohl als Basis für ein „Verstehen“, als auch innerhalb des Teams selbst. Der Gefahr eines Zerfalls der Gruppe, dessen Folge ein Zerfransen der Erzählstränge und eine erschwerte Kohärenzbildung beim Leser bis hin zum weitgehenden Kohärenzverlust sein kann, muss daher permanent im Sinne des gemeinsamen Zieles begegnet werden, wobei nicht Konformität sondern im Gegenteil Mündigkeit des Einzelnen Voraussetzung für die notwendige Teamfähigkeit ist. Auf der Ebene der zu erarbeitenden Texte erweisen sich einerseits die zweckmäßige Fragmentierung im Sinne prägnanter, kohäsiv geschlossener Einheiten, die aufgrund von Kontextoffenheit eine Integration gewährleisten sollen, andererseits die für die Gesamtstruktur entscheidende sinnvolle Vernetzung durch das Setzen von Links, die eine Bedeutungserweiterung für die Einzeltexte bedeuten und neue Pfade ermöglichen, als die wesentlichen Momente. Die mühsame und komplexe Aufgabe beinhaltet solcherart auch ein immenses didaktisches Potential zur Entfaltung individueller Kreativität, Teamarbeit und narrativer Kompetenz.

Als Übertragung des Modells einer sich unendlich fortspinnenden Geschichte in Form eines Hypertextes auf die universitäre Lehre, die hier als Netz argumentativer, theoriegeleiteter Erzählungen aufgefasst wird, wird das Beispiel einer Lehrveranstaltung angeführt, in der sich um einen zentralen Text, der als inhaltlicher Rahmen dient, in räumlich und zeitlich unbegrenzter Erweiterung ein Netzwerk peripherer Texte entwickelt, aus dem heraus sich Teile verselbständigen und das ständig in Bewegung bleibt. Solche kollektiven Schreib- und Vernetzungsprojekte, die bereits vielfältig im Web vorhanden und vermehrt auch in der universitären Lehre zu finden sind, benötigen zu ihrer Einrichtung ein Content Management System (CMS) als technische Grundlage, wobei die AutorInnen hier beispielhaft den von ihnen entwickelten „Hypertextcreator“ (HTC), der bereits in verschiedenen Lehrveranstaltungstypen eingesetzt wurde, näher beschreiben. Dabei erweist sich die Kohärenzproblematik als zentrale Aufgabe, der durch Verwendung kontextsensitiver und typisierter Links begegnet wird, wo neben der Integration zentraler Inhalte in Kontexten die Zuordnung der Inhalte über selbstdefinierte Attribute im Mittelpunkt steht. Eine kreative Kohärenzbildung bei den Lesenden setzt hier eine entsprechende Kohärenzplanung auf Seiten der AutorInnen voraus, eine intellektuelle Arbeit, die HTC diesen nicht abnehmen, sondern nur strukturieren will, eine Arbeit, die vor allem im Finden der richtigen Attribute, die eine sinnvolle Anzahl von Zuordnungen gewährleisten sollen, aber auch im Erstellen der Verknüpfungen selbst, besteht. Die Einbindung individueller Texte ist dabei bereits beim Schreiben mitzudenken, ja als Teil des Schreibens selbst zu betrachten, der die Qualität des Textes erhöht.
Der HTC, der den Schwerpunkt auf die kooperative Vernetzung von Inhalten und AkteurInnen legt, ist so konzipiert, dass er den Handlungsspielraum nicht beschneidet, sondern den kreativen Aufbau eines Hypertextes unterstützt. Das Beispiel einer universitären Kooperation anhand eines Gemäldes, das aufgrund disziplinär unterschiedlicher Problematiken zur gegenseitigen Bereicherung beiträgt, bestätigt dabei ein leicht einsetzbares CMS als ideale Teamsoftware. Kooperative Schreibprozesse sind so gerade im Bereich der Geschichtswissenschaft mit wesentlichen didaktischen Vorteilen verbunden, die von der Förderung strukturierter Zusammenarbeit, gemeinsamer Begriffsbildung und der Fähigkeit zu Fragmentierung, Kontextualisierung und Kohärenzplanung im Team, über die gemeinsame Einsicht in den geschichtswissenschaftlichen Konstruktionsprozess mittels Kategorienbildung und Schwerpunktsetzung, bis zur bewussten Auseinandersetzung mit dem Schreiben, seiner Ausrichtung auf Zusammenhänge und der Förderung von Multimedialität und Medienkompetenz im Umgang mit CMS und Hypertext reichen. Der HTC kann hier als Katalysator allgemeiner Kompetenzerweiterung gesehen werden, die sich wie die intensive Auseinandersetzung mit dem Medium auch im Ergebnis niederschlägt, einer Website mit offenen Enden, das nicht als fertiges Projekt, sondern als Startschuss zu ihrer Weiterentwicklung zu verstehen ist. Im gemeinsamen Weiterschreiben und –denken von Geschichte(n), trifft sich nicht nur der diskursive und prozessuale Charakter von Geschichtswissenschaft mit der adäquaten Nutzung von Organisationsmodellen im Web, hier wird auch so mancher (gemeinsame) Glücksmoment möglich.
Schmale - 8. Dez, 18:35

Schmale

Würden Sie meinen, dass HTs wie pastperfect dazu beitragen könnten, das elektronische Publizieren gegenüber dem Gedruckten konkurrenzfähig zu machen? Man könnte vielleicht auch historicum.net zum Vergleich heranziehen, in dem ja viele Volltexte enthalten sind.
Ich selber stelle mir immer wieder die Frage, wie weit man es mit elektronischen Publikationen nach Art des Projekts pastperfect treiben soll - genau weiß ich es nicht!

Franz Helmreich - 5. Jan, 16:18

Großes Potential trotz begrenzter Möglichkeiten

Ich kann mir kein Teilgebiet der Geistes- und Kulturwissenschaft vorstellen, in dem HT nicht gewinnbringend eingesetzt werden könnte, kommt es doch fast überall darauf an, die Vielfältigkeit von Querverbindungen zu erkennen und aufzuzeigen. Dafür scheint mir hier ein hervorragendes Mittel zur Verfügung zu stehen, das dabei Möglichkeiten eröffnet, die ein herkömmliches Medium wie das Buch nicht bieten kann. Insofern bin ich überzeugt, dass elektronisches Publizieren unter Einsatz von HT das Potential hat, zu einem wirklich fundamentalen Instrument auch der Geschichtswissenschaft zu werden.

Die Entfaltung dieser spezifischen Möglichkeiten kann aber umso besser gelingen, je deutlicher trotz aller Euphorie dabei auch ihre Begrenztheit transparent gemacht wird. Publikationen in Form längerer durchgängiger Argumentationen scheinen mir hier fehl am Platz, Anleihen bei traditionellen Formen, etwa Essays, können dabei nur bedingt Abhilfe schaffen. Ein Eingeständnis der eigenen Begrenztheit aber, etwa wenn es um die Darstellung komplexer Kontexte geht, und das Aufzeigen von Perspektiven, die über das Medium hinaus und auf das gute alte Buch verweisen, können daher nur eine Bereicherung sein.

Von zentraler Bedeutung scheint mir auch, bestimmte mit dem Web verbundene Nutzungsgewohnheiten zurückzudrängen. So muss sich der User zuerst einmal bewusst werden, dass eine bestimmte Verweildauer bei einem HT-Lernprojekt vonnöten ist, um seine Nutzungsmöglichkeiten zumindest im Ansatz erkennen zu können. Eine elektronische Publikation in dieser Form sollte daher durch den gezielten Einsatz in Lehrveranstaltungen ergänzt werden, ein bloßes Zurverfügungstellen über das Internet ist zu wenig.

Der Reiz von HT scheint aber erst dort wirklich zur Geltung zu kommen, wo die erstmalige Publikation laufend erweitert und aktualisiert und so tatsächlich zu einem offenen, lebenden Projekt wird.

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