Montag, 29. Oktober 2007

Beurteilung der Seite „Europaquellen“

Eine Zuordnung der Seite „Europaquellen“ und ihres Inhalts ist für den Benutzer leicht möglich, da das verantwortliche Autoren-Kollektiv angegeben, die institutionelle Anbindung (Universität/Institut) nachvollziehbar und der Anlass des Projekts, seine Förderung, Leitung und Aufgabenverteilung aus der Projektbeschreibung ersichtlich ist. Zitierhinweise werden bei den einzelnen Titeln gegeben. Dass Interessen außerhalb von Forschung und Lehre bedient werden, ist nicht feststellbar – sieht man vom Verkaufsinteresse des Verlages für das angeführte Buch ab.
Die Texte sind dem Medium entsprechend aufbereitet, der modulare, fragmentierte und vernetzte Aufbau, der Querverbindungen ermöglicht und gegenüber ergänzenden neuen Inhalten prinzipiell offen ist, gibt der Seite den Charakter von Hypertext, Umfang und Art der einzelnen Artikel und Essays vermitteln insgesamt aber den Eindruck einer Mischform. Durch Verwendung der Farbe blau wird eine Assoziation mit der EU hervorgerufen, die eine Rezeption im Sinne einer gesamteuropäischen Identifikation nahe legt. Dem Konzept der Seite entsprechend sind die Quellen genau dokumentiert, entsprechende Bibliographien und Fußnoten finden sich bei den einzelnen Artikeln und Essays, außerdem werden Lebenslauf und Werkverzeichnis der Autoren angeführt. Ein Stichwort- und Personenverzeichnis ist wie eine Zeitleiste Teil des Datenbanksystems, eine vergleichbare Funktion über Entstehungsorte fehlt allerdings, auch auf eine Erläuterung von Spezialbegriffen (Glossar oder Datenbank) wird verzichtet.
Die angewandte Methodik, deren Ergebnis in den „Quellenautopsien“ vorliegt, wird hinsichtlich Ermittlung und Aufbereitung der Quellen ausführlich und systematisch erläutert, auf weiterführende theoretische Ausführungen über den Forschungshintergrund wird aber, wahrscheinlich aus Gründen der Übersichtlichkeit, verzichtet. Inwieweit hier ein neuer Forschungsansatz verfolgt oder auf den etablierten wissenschaftlichen Konsens gesetzt wird, kann ich daher nicht beurteilen. Obwohl über gleichartige Web-Projekte eine Verbindung zur Ludwig-Maximilians-Universität München ersichtlich ist, ist darin noch keine Einbindung in einen wissenschaftlichen Dialog mit anderen Seiten zu sehen. Rezensionen der Seite konnte ich über gängige Fachportale keine ausfindig machen, auch unter „Medienecho“ fehlen Einträge, zum Begleitbuch kann allerdings auf eine Rezension in einer Zeitschrift zugegriffen werden. Wann die Seite erstellt, in ihrem Kernbereich abgeschlossen und zuletzt geändert wurde, wird zwar angegeben, Hinweise auf eine laufende technische Wartung und inhaltliche Aktualisierung fehlen allerdings. Zur Schaffung eines „Wissensraums“ wird hauptsächlich eine Binnenverlinkung zwischen den einzelnen Artikeln und zu den Quellen eingesetzt, aber auch externe Links verwendet, außerdem wird das multimediale Potenzial dem Zweck entsprechend durch Verwendung bildlicher Quellen genutzt.
Logische und inhaltliche Struktur entsprechen einander, die recht einfache Eingangsseite, die farbliche Gestaltung – etwa der unterschiedliche Hinweis auf Bildquelle oder Originaltext – und die verwendeten Formen tragen zur Übersichtlichkeit und Orientierung bei. Gravierende Fehler sind im Bereich externer Links festzustellen, eine Reihe von Seiten kann nicht mehr gefunden werden, sogar einer der fünf Europa-Links funktioniert nicht mehr, was auf mangelnde technische Wartung schließen lässt – außerdem hat sich bei einer bildlichen Quelle ein kleiner Programmierfehler eingeschlichen: „Fenster schließen“ funktioniert nicht. Die Lesbarkeit ist trotz kleiner Schriftgröße und dichter Schreibweise gegeben, bei genauerem Lesen empfiehlt sich aber ein Ausdruck, der trotz Fehlens einer expliziten Druckfunktion möglich ist. Die angegebenen Web-Adressen, etwa bei den Europa-Links, sind inhaltlich aussagekräftig, Probleme mit Ladezeiten oder Flash-Animationen gibt es nicht. Werbung scheint auf der Seite selbst keine auf, nur beim Öffnen der Seite erscheint ein Pop-Up, auf dem Klingeltöne und Gratisspiele fürs Handy angepriesen werden (wurde das absichtlich eingebaut?) Für ein mögliches Feedback steht ein eigenes Formular zur Verfügung.

Insgesamt kann der Seite trotz einiger Mängel (vor allem bei der externen Verlinkung) eine hohe Qualität und Zuverlässigkeit bescheinigt werden, die ihre fachspezifische Verwendung in Forschung und Lehre als sinnvoll erscheinen lässt. Allerdings scheint die Seite bei den einschlägigen Fachportalen – vielleicht wegen ihres sehr speziellen Inhalts – noch wenig Beachtung gefunden zu haben.

Kapitel 2.4. „E-Medienkompetenz / e-media literacy“ aus: „E-Learning Geschichte“ (Zusammenfassung)

Im Hinblick auf die Herausforderungen, die die digitalen Medien für die Geschichtswissenschaft laufend hervorbringen, erscheint es zweckmäßig, den häufig und oft sehr unspezifisch verwendeten Begriff der Kompetenz aufzugreifen und vor allem fachwissenschaftlich – aber auch bezogen auf mehr allgemeine Fähigkeiten – zu konkretisierten. Ausgehend von einem philosophisch geprägten Begriff der „kommunikativen Kompetenz“ und einem damit verbundenen demokratischen Lehr-/Lernkonzept wird vor allem deren dynamischer und pragmatischer Aspekt hervorgehoben, wodurch die elektronischen Medien verstärkt als Werkzeuge erkennbar werden, die weniger Wissensvermittlung als das Erlernen ihrer Handhabung erfordern, welche selbst wieder je nach eingebrachter Intensität und Kritik weiter differenziert werden kann. Gegenüber einer zu starken Betonung der technischen Seite geht es hier primär um die grundlegende Fähigkeit der Einordnung von Information, um die Aufschlüsselung ihrer Herkunft, wodurch in einem pädagogischen Modell gegenüber den technischen und reflexiven Momenten der Handhabung mehr die kulturellen und sozialen Momente in den Vordergrund treten, die Vertrautheit mit ästhetischen und gesellschaftlichen Codes und das sinnvolle Eingehen auf überbordende Angebote.
Die Geschichtswissenschaft hat in einer von Offenheit und noch ausstehender Entfaltung des Mediums geprägten Übergangsphase, die Anlass zu utopischen Hoffnungen und Konzepten gibt, aber auch den Begriff der E-Medienkompetenz weitgehend offen lässt, auf ihr bewährtes fachwissenschaftliches Programm und deren Anforderungen abzustellen, die Medien in dieser Hinsicht zu bewerten und das Web aufzuschlüsseln, wobei social software und semantic web Ansatzpunkte für neue Lehr-/Lernszenarien bieten. Im Rahmen eines breiteren Diskurses über die Verwendung der Neuen Medien und des dabei auftretenden digital divide, der auch Genderkompetenz ansprechen muss, ist eine neue, mehr nachfrageorientierte Lernkultur nachhaltig – im Sinne von change management – zu entwickeln, die technische, reflexive und soziale, sowie die selbständig-individuelle Handhabung und die Einbindung personalisierter Lernumgebungen betreffende Aspekte umfasst.

Aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft erweist sich die mediale Herausforderung weniger als ein neuer turn, eher als ein Drall, der es ihr erlaubt, vorangegangene turn’s in sich aufzunehmen. Im Mittelpunkt steht hier der grundlegende Wandel in den historiographischen Arbeitsbedingungen mit seinen Auswirkungen auf Quellengrundlage, Autorschaft und Narration, woraus sich neue Möglichkeiten forschungsgeleiteter Lehre unter Verbindung von Wissensaneignung und -anwendung eröffnen. Aufgrund fehlender Standardisierung besteht die Herausforderung dabei vorerst in der Bewertung von Netzinhalten und der Klärung ihrer Entstehung, wofür Geschichtswissenschaft durch entsprechend angepasste Quellenkritik und kritische Analyse gerüstet scheint.
Das hierfür ausgearbeitete, fachspezifisch ausgerichtete Modell von Peter Haber und Jan Hodel versucht E-Medienkompetenz durch die Verbindung von historischer Verortung und didaktischem Konzept zu befördern, durch die überfällige Modellierung bisheriger Methoden, aber auch die laufende Erforschung und Vermittlung neuer Möglichkeiten. Bei der geschichtswissenschaftlich abgestimmten Bewertung von E-Learning-Angeboten und den zugrunde liegenden Technologien geht das didaktische Konzept von bestehenden Strukturen in Forschung und Lehre und einem spezifischen Kompetenzbegriff aus, um die historische Online-Kompetenz anhand von Teilkompetenzen zu verdeutlichen: so wird unter „Lesen“ eine kritische Informationskompetenz verstanden, die Recherche, kritische Überprüfung, auch hinsichtlich Relevanz, Quellenkritik, Beurteilung von Urheberrechtsfragen und Kenntnis wichtiger Akteur/e/innen und ihrer Interessen umfasst, unter „Schreiben“ der trotz seiner zentralen Bedeutung sträflich vernachlässigte Aspekt von Narrativität einschließlich neuer Formen, und unter „Reden“ – jenseits herkömmlicher Lernplattformen – die Hinwendung zum wissenschaftlichen Diskurs mit potentieller Partizipation.

Bereitet die Kurzfristigkeit fachspezifischer E-Medienkompetenz, die zu laufender Beobachtung und Bewertung zwingt, und nur aufgrund professioneller Abstimmung entsprechende Lernkonzepte möglich macht, gewisse Schwierigkeiten, so kann doch die damit verbundene Experimentierfreude und Kreativität, bei entsprechender Begleitung durch die Lehrenden – wobei die Entstehung von Information und Wissen in den Vordergrund, die technische Seite aber zusehends in den Hintergrund tritt – zur kompetenten Nutzung und Reflexion der neuen Möglichkeiten durch die Lernenden beitragen, die sich solcherart in diesem Feld zunehmend als Handelnde begreifen können.

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