Dienstag, 4. Dezember 2007

Kapitel 5 – „Die hohe Kunst des E-Learning: Das Bauen hypertextueller Gebilde“ (Zusammenfassung)

Die japanische Erzählung von Muskat, die ihrem Sohn Zimt die gleiche Geschichte in immer wieder neuen Variationen erzählen muss, macht deutlich, wie diese Geschichte dadurch immer mehr an Tiefe, Weite und Raum gewinnt und sich dabei auch ihre persönliche Beziehung entwickelt. Daraus wird einerseits ersichtlich, dass das direkte Gespräch gerade in seiner Bedeutung für die Geschichtswissenschaft in seiner Begünstigung von kollektiver Intelligenz, Nachvollziehbarkeit, individueller Unterschiedlichkeit und Interdisziplinarität durch kein anderes Medium ersetzt werden kann und anstelle von Substitution vielmehr ein sinnvolles Zusammenspiel unterschiedlicher Medien unter Nutzung der spezifischen Vorteile gefordert erscheint.
Auf der anderen Seite kann hier eine Analogie zum spezifischen Potential von Hypertext gesehen werden, wo das schnelle Herstellen von tatsächlichen Bezügen in einem nachvollziehbaren und begehbaren Verweisungsgefüge das Hervorbringen eigener Kohärenzen und unerwarteter Entdeckungen durch produktives Verzetteln ermöglicht, in einem offenen Prozess, in dem sich Hypertext als Fragen- und Problemgenerierungsmaschine versteht und in Richtung Interdisziplinarität drängt. Dementsprechend wird hier Wissenschaft und Forschung als eine permanente Baustelle aufgefasst und ein Modus der Wissenserzeugung propagiert, der im Gegensatz zum hierarchisch, disziplinär und auf allgemeingültige Erklärung ausgerichteten traditionellen Konzept auf Kollektivität, Transdiziplinarität, zeitliche Begrenzung und raschen Wechsel setzt, wodurch dem direkten Gespräch sogar noch größere Bedeutung als bisher zukommt.

Angesichts dieses Versprechens stellt sich die Frage, warum die Möglichkeiten von Hypertext in der Geschichtswissenschaft bisher so wenig genutzt werden. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in einer auf das Buch ausgerichteten Wissenschaftskultur, in der die Arbeit mit Hypertext wenig Ansehen genießt und keine Anreize für kollektive Formen von Kreativität und Intelligenz bestehen, was gemeinsam mit der raschen technologischen Entwicklung bisher einen adäquaten Einsatz verhindert. Dementsprechend beschränkt er sich oftmals auf rasche Informationsbeschaffung ohne ansprechendes und sinnvoll integriertes Design, und das in der Hauptsache für organisatorische Zwecke und weniger für Diskussion und Reflexion von Inhalten, wohingegen Hypertext in der Historiographie wenig Akzeptanz findet, sowohl als Form geschichtswissenschaftlicher Erzählung als auch beim Zitieren. Dabei spielt trotz oft auch mangelhafter Werkzeuge vor allem das fehlende Wissen über sie eine wichtige Rolle.
Wesentlich ist hier aber auch die Komplexität der Aufgabe, der sich die AutorInnen vor allem beim gemeinschaftlichen Aufbau eines Hypertextes gegenübersehen, wobei Kohärenz als zentrale Herausforderung erscheint, sowohl als Basis für ein „Verstehen“, als auch innerhalb des Teams selbst. Der Gefahr eines Zerfalls der Gruppe, dessen Folge ein Zerfransen der Erzählstränge und eine erschwerte Kohärenzbildung beim Leser bis hin zum weitgehenden Kohärenzverlust sein kann, muss daher permanent im Sinne des gemeinsamen Zieles begegnet werden, wobei nicht Konformität sondern im Gegenteil Mündigkeit des Einzelnen Voraussetzung für die notwendige Teamfähigkeit ist. Auf der Ebene der zu erarbeitenden Texte erweisen sich einerseits die zweckmäßige Fragmentierung im Sinne prägnanter, kohäsiv geschlossener Einheiten, die aufgrund von Kontextoffenheit eine Integration gewährleisten sollen, andererseits die für die Gesamtstruktur entscheidende sinnvolle Vernetzung durch das Setzen von Links, die eine Bedeutungserweiterung für die Einzeltexte bedeuten und neue Pfade ermöglichen, als die wesentlichen Momente. Die mühsame und komplexe Aufgabe beinhaltet solcherart auch ein immenses didaktisches Potential zur Entfaltung individueller Kreativität, Teamarbeit und narrativer Kompetenz.

Als Übertragung des Modells einer sich unendlich fortspinnenden Geschichte in Form eines Hypertextes auf die universitäre Lehre, die hier als Netz argumentativer, theoriegeleiteter Erzählungen aufgefasst wird, wird das Beispiel einer Lehrveranstaltung angeführt, in der sich um einen zentralen Text, der als inhaltlicher Rahmen dient, in räumlich und zeitlich unbegrenzter Erweiterung ein Netzwerk peripherer Texte entwickelt, aus dem heraus sich Teile verselbständigen und das ständig in Bewegung bleibt. Solche kollektiven Schreib- und Vernetzungsprojekte, die bereits vielfältig im Web vorhanden und vermehrt auch in der universitären Lehre zu finden sind, benötigen zu ihrer Einrichtung ein Content Management System (CMS) als technische Grundlage, wobei die AutorInnen hier beispielhaft den von ihnen entwickelten „Hypertextcreator“ (HTC), der bereits in verschiedenen Lehrveranstaltungstypen eingesetzt wurde, näher beschreiben. Dabei erweist sich die Kohärenzproblematik als zentrale Aufgabe, der durch Verwendung kontextsensitiver und typisierter Links begegnet wird, wo neben der Integration zentraler Inhalte in Kontexten die Zuordnung der Inhalte über selbstdefinierte Attribute im Mittelpunkt steht. Eine kreative Kohärenzbildung bei den Lesenden setzt hier eine entsprechende Kohärenzplanung auf Seiten der AutorInnen voraus, eine intellektuelle Arbeit, die HTC diesen nicht abnehmen, sondern nur strukturieren will, eine Arbeit, die vor allem im Finden der richtigen Attribute, die eine sinnvolle Anzahl von Zuordnungen gewährleisten sollen, aber auch im Erstellen der Verknüpfungen selbst, besteht. Die Einbindung individueller Texte ist dabei bereits beim Schreiben mitzudenken, ja als Teil des Schreibens selbst zu betrachten, der die Qualität des Textes erhöht.
Der HTC, der den Schwerpunkt auf die kooperative Vernetzung von Inhalten und AkteurInnen legt, ist so konzipiert, dass er den Handlungsspielraum nicht beschneidet, sondern den kreativen Aufbau eines Hypertextes unterstützt. Das Beispiel einer universitären Kooperation anhand eines Gemäldes, das aufgrund disziplinär unterschiedlicher Problematiken zur gegenseitigen Bereicherung beiträgt, bestätigt dabei ein leicht einsetzbares CMS als ideale Teamsoftware. Kooperative Schreibprozesse sind so gerade im Bereich der Geschichtswissenschaft mit wesentlichen didaktischen Vorteilen verbunden, die von der Förderung strukturierter Zusammenarbeit, gemeinsamer Begriffsbildung und der Fähigkeit zu Fragmentierung, Kontextualisierung und Kohärenzplanung im Team, über die gemeinsame Einsicht in den geschichtswissenschaftlichen Konstruktionsprozess mittels Kategorienbildung und Schwerpunktsetzung, bis zur bewussten Auseinandersetzung mit dem Schreiben, seiner Ausrichtung auf Zusammenhänge und der Förderung von Multimedialität und Medienkompetenz im Umgang mit CMS und Hypertext reichen. Der HTC kann hier als Katalysator allgemeiner Kompetenzerweiterung gesehen werden, die sich wie die intensive Auseinandersetzung mit dem Medium auch im Ergebnis niederschlägt, einer Website mit offenen Enden, das nicht als fertiges Projekt, sondern als Startschuss zu ihrer Weiterentwicklung zu verstehen ist. Im gemeinsamen Weiterschreiben und –denken von Geschichte(n), trifft sich nicht nur der diskursive und prozessuale Charakter von Geschichtswissenschaft mit der adäquaten Nutzung von Organisationsmodellen im Web, hier wird auch so mancher (gemeinsame) Glücksmoment möglich.

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