Sonntag, 2. Dezember 2007

Beschreibung und Beurteilung von "pastperfect"

Das Lernprojekt pastperfect stellt den ambitionierten Versuch dar, „die Geschichte Europas zwischen 1492 und 1558“ auf einer medial neuen Grundlage zu vermitteln, vor allem durch Einsatz von Hypertext, der auf einer Datenbank von über 700 Texten von mehr als 60 AutorInnen aufbaut. Dadurch soll Interesse und Begeisterung für die geschichtlichen Vorgänge und Zusammenhänge geweckt und gefördert und neuartige Zugangsweisen erschlossen werden, die im Bereich traditioneller Medien in dieser Weise nicht möglich sind; zugleich soll aber auch das Potential des neuen Mediums ausgelotet werden. Das Projekt liegt in zwei Versionen vor, einer eher nüchtern gehaltenen Textversion und einer graphisch ansprechenderen Flashversion, die die Möglichkeiten des Mediums erst zur Geltung bringt.

In der Textversion, die im weiteren nur zum Vergleich herangezogen werden soll, scheinen die vier Zugangsweisen schlicht unter den Rubriken „Ereignisse“, „Kontexte“, „Rezeption“ und „Reflexionen“ auf, worunter dann die jeweiligen Ereignisse und Themen in chronologischer bzw. thematischer Anordnung angezeigt werden. Bei Aufruf eines dieser Inhalte erscheint dazu ein kurzer Text, neben dem verschiedene damit zusammenhängende Themenbereiche und Personen, sowie Jahreszahl und Ort als zugeordnete Verzweigungsmöglichkeiten auftauchen. Unter jedem dieser Punkte wird – eventuell nach einer kurzen biographischen oder inhaltlichen Notiz – wiederum eine Reihe von Ereignissen und Themen aufgelistet, mit einer zusätzlichen Angabe versehen, die eine Zuordnung zu einer der vier Rubriken erlaubt. Durch Aufruf eines dieser Inhalte und Wiederholung des beschriebenen Vorgehens kann nach Lust und Laune ein individueller Weg durch die angebotenen Inhalte gewählt, und damit ein mehr oder weniger sinnvoller Zusammenhang herstellt werden. Wie aus dieser nüchternen Beschreibung bereits ersichtlich, wird in dieser Version zwar der Aufbau des Systems relativ schnell transparent, das hoffentlich vorhandene Vergnügen an der historischen Entdeckungsreise erfährt allerdings seitens des Mediums keine weitere Unterstützung.
Umgekehrt verhält es sich bei der Flashversion. Obwohl von der Funktionalität her keine großen Unterschiede bestehen, ist die Systematik des Programms hier schwerer zu durchschauen, vor allem aber ist das Erscheinungsbild ein ganz anderes. Wenn wir vorerst auf der Ebene „Ereignisse“ bleiben, über die der Einstieg erfolgt, so taucht hier ein bestimmtes Ereignis sofort in seiner spezifischen Verortung in Zeit, Raum und Sachgebiet auf, und zwar in graphisch ansprechender Weise kenntlich gemacht durch bestimmte Symbole: ein Zeitrad in Form einer Windrose mit der jeweiligen Jahreszahl, eine Landkarte Europas mit dem hervorgehobenen Ort des Ereignisses und den Orten der anderen Ereignisse dieses Jahres – über das Anklicken eines Schiffes vor Gibraltar können auch die Ereignisse in anderen Erdteilen durch Einblenden einer Weltkarte sichtbar gemacht werden – und eine 18-teilige Themenleiste, auf der die durch das Ereignis angesprochenen Sachbereiche hervortreten. Das Ereignis selbst, das so auf einen Blick in drei verschiedene Dimensionen eingeordnet werden kann, wird durch einen prägnanten Kurztext beschrieben, genauere Informationen über im Text vorkommende Personen und Fachbegriffe können rasch unter „Kurzbiographien“ und „Glossar“ abgerufen werden, außerdem eine Bildquelle, falls vorhanden, über „Bild“.
Ausgestattet mit solch elementaren Steuerungsinstrumenten kann nun diese vorerst bloß statische Koordinatenbestimmung auch zum Ausgangspunkt dafür genommen werden, auf die denkbar einfachste Weise „in See zu stechen“, nämlich einen Weg durch die Ereignisse entlang chronologischer Kriterien zu suchen, also gleichsam „an der Küste entlang zu segeln“: entweder wird einmal geschaut, was in diesem Jahr noch so alles passiert ist, indem Ereignisse desselben Jahres durch Anklicken eines bestimmten Ortes aufgerufen werden, oder es werden über die neben einem angesprochenen Sachgebiet auftauchenden Pfeile die zeitlich vorangegangenen oder nachfolgenden Ereignisse dieses Sachgebiets abgefragt, oder es wird die Jahreszahl erhöht oder herabgesetzt und damit die Ereignisse des folgenden bzw. vorangegangenen Jahres aufgerufen. Diese einfachen und nahe liegenden Möglichkeiten des Navigierens auf der Ereignisebene scheinen aber nur sinnvoll beim Versuch der zeitlichen Einordnung, des zeitlichen Vergleichs mit anderen Ereignissen, sei dies nun durch räumliche Erforschung des Gleichzeitigen, durch Untersuchung der Sequenz im jeweiligen Sachgebiet, oder einfach durch Einordnung in die Ereignisfolge des gesamten behandelten Zeitabschnitts. (Eine entsprechende räumliche Funktion, die durch Anklicken eines Ortes alle diesem Ort zugeordneten Ereignisse chronologisch auflisten würde, ist seltsamerweise nur in der Textversion möglich, in der Flashversion führt der als Suchbegriff eingegebene Ortsname nur ausnahmsweise zu gleichen Ergebnissen.)
Ein Dahinsegeln entlang der zeitlich-örtlich-sachlichen Einordnung kann zwar überraschende Parallelen oder Sequenzen aufspüren, bleibt aber zumeist auf der Oberfläche äußerlicher Beziehung und kann außerdem die Ebene der reinen Ereignisgeschichte nicht verlassen. Jeder anspruchsvollere Weg, der die durch den Einsatz von Hypertext gebotenen Möglichkeiten des Projekts nutzen will, muss daher über die im linken oberen Teil der Seite aufscheinenden thematischen Querverbindungen führen. Dort wird der weitere Weg durch die Inhalte über bestimmte übergeordnete Begriffe oder Begriffspaare, aber auch über bestimmte Personen vorgezeichnet, die jeweils einmal unter den Kategorien „Ereignisse“, „Kontexte“ und „Rezeption“, also insgesamt dreimal aufscheinen, allerdings nur, soweit zugeordnete Inhalte vorhanden sind. Ein bestimmter Begriff etc. führt dabei jeweils zu unterschiedlichen Inhalten: in der Kategorie „Ereignisse“ sind es die entsprechenden Ereignisse in chronologischer Reihenfolge, in den „Kontexten“ sind es historische Hintergrundinformationen, die jeweils einem von 28 übergeordneten Themen zugeordnet sind – 18 davon kennen wir bereits aus der bei jedem Ereignis auftauchenden Themenleiste –, und unter „Rezeption“ findet man schließlich Informationen zur Rezeptionsgeschichte im Rahmen von 7 Themenbereichen. Damit sind auch die drei möglichen geschichtlichen Zugänge angegeben. (Ein vierter Zugang erscheint unter „Reflexionen“, der aber zu keinen geschichtlichen Inhalten führt, sondern Betrachtungen auf einer Metaebene enthält, und zwar sowohl zum Projekt selbst als auch zum Verhältnis von Kulturwissenschaft und Web im Allgemeinen; auf diese Weise soll ausgehend vom konkreten Projekt und seiner kritischen Hinterfragung ein Beitrag zur Erarbeitung von Grundlagen zum Einsatz der Neuen Medien in den Kulturwissenschaften geleistet, öffentlich gemacht und in einem breiteren Zusammenhang diskutiert werden.)
Je nachdem nun zwischen den unterschiedlichen Zugängen hin und her gewechselt wird, können prinzipiell unterschiedliche Wege beschritten werden. Will man etwa – um von unserem Beispiel auszugehen – nach der Beschäftigung mit einem Ereignis seinen geschichtlichen Hintergrund unter einem bestimmten Aspekt kennenlernen, so genügt es, das interessierende Thema unter „Kontexte“ anzuklicken, um auf diese Ebene abzutauchen, die sich auch graphisch von der durch Landkarte und Zeitrad symbolisierten Ereignisebene unterscheidet: Hier wird ein strahlenförmiges Netzwerk aus 28 übergeordneten Themen sichtbar, wobei das angesteuerte Thema mit seinen Unterthemen hervorgehoben wird. Eine alternative Art, sich durch die angebotenen Inhalte zu bewegen, kann nun darin bestehen, auf der Ebene der Kontexte zu bleiben und hier über die angezeigten verwandten Themen oder direkt über die graphische Oberfläche zu anderen Kontexten zu wechseln, und so Zusammenhängen auf einer allgemeineren Ebene nachzuspüren. Dabei ist ein jederzeitiges Auftauchen auf die Ereignisebene möglich, um die erforschten Zusammenhänge an konkreten Ereignissen festzumachen.
Von beiden Ebenen kann aber auch auf eine dahinterliegende dritte Ebene der „Rezeption“ gewechselt werden, um zu erkunden, in welcher Weise Ereignis oder Kontext zu einem späteren Zeitpunkt rezipiert wurden. Wird ein Thema aus dieser Kategorie ausgewählt, so erscheint erneut eine andere graphische Oberfläche, die das ausgewählte Thema auf einem perspektivischen Zeitstrahl zeigt, der die jeweilige Thematik darstellt. Auf diesem Zeitstrahl kann nun – wiederum alternativ zu den links oben angezeigten Themen – auch direkt durch Auswahl bestimmter Jahre die Rezeptionsgeschichte dieser Thematik erforscht, oder aber zu einem anderen Zeitstrahl und damit zu einer anderen der sieben Thematiken gewechselt werden. In den meisten Fällen wird es sinnvoll sein, zu einem bestimmten Ereignis oder Kontext die entsprechende Rezeption in einer späteren Zeit zu erkunden, denkbar ist aber auch der umgekehrte Weg, der von einer bestimmten Rezeption ausgeht und dahinterstehende geschichtliche Ereignisse und Zusammenhänge durchleuchtet. Die Entscheidung, die Rezeptionsgeschichte als eigenständigen Zugang zu installieren, soll dabei wohl den falschen Eindruck einer gegebenen Faktizität vermeiden, der durch die prägnante Darstellung von Ereignissen und Kontexten leicht entstehen könnte, und in perspektivischer Ausweitung des Zeithorizonts in Richtung Gegenwart verdeutlichen, dass historische „Fakten“ immer nur in bestimmten, sich verändernden Interpretationszusammenhängen und Diskursen vorkommen.

Trotz des Eindrucks sehr sorgfältig erarbeiteter Texte entspricht pastperfect nur in eingeschränktem Maß wissenschaftlichen Maßstäben. So fehlen bei den kurz gehaltenen Texten generell Quellenangaben, was aber hier auch wenig Sinn machen würde, sind sie doch im Hinblick auf kompakte Information und die Herstellung von Querverbindungen konzipiert. Auch fehlen bei den einzelnen Themen bibliographische Angaben, nur bei den Essays der „Reflexionen“ und bei den übergeordneten 28 Themen der „Kontexte“ findet der geduldige User bis auf je eine Ausnahme eine Bibliographie, zum Teil über die graphische Oberfläche, zum Teil in einem Kästchen am oberen Bildrand versteckt. Außerdem besteht keine Zitiermöglichkeit.
Didaktisch setzt pastperfect primär auf die selbständige Erforschung von Zusammenhängen durch die Lernenden, auf das Auffinden und Begehen eigener neuer Wege, und auf die Herstellung neuartiger Kohärenzen. Die Fragmentierung der Inhalte, eine durchdachte Verlinkung und die Integration unterschiedlicher Medien (leider hat der Ton bei mir nicht funktioniert!) sollen ein solches Verhalten der Lernenden möglichst unterstützen, durch die Nutzung der spezifischen medialen Möglichkeiten wird die Lust am Entdecken und eigenständiges Denken gefördert. Neben der Förderung von interaktivem Lernen soll durch den Zugang über unterschiedliche Ebenen und die Vielfältigkeit der Verbindungen auch das Bewusstsein von Geschichte als einem vielschichtigen und immer wieder neu zu (re-)konstruierenden Prozess entwickelt werden, der nichts mit dem Erlernen vorgegebener allgemeingültiger Inhalte zu tun hat.


Mein persönliches Fazit

Zuerst eine kurze Bemerkung zur graphischen Oberfläche der Flashversion: Die Einsicht, dass jede Form von Lektüre auch ein sinnliches Erlebnis ist, wurde hier geschickt umgesetzt, die farbliche und graphische Gestaltung lädt fast unwiderstehlich zu einer gleichsam sinnlich erfahrbaren Reise über einen „Ozean des Wissens“ ein – sie macht wirklich Lust darauf, „in See zu stechen“. Auch die Differenzierung der Zugänge durch entsprechend konkrete oder abstrakte Bildgestaltung scheint mir hervorragend gelungen. Der Vergleich mit der Textversion macht deutlich, dass man diesen Aspekt nicht unterschätzen sollte.
Nun braucht nur mehr „Wind aufzukommen“ (hoffentlich kommt er auf!) und schon kann man sich, angespornt durch eigene Intuition und Assoziation über die Oberfläche der Ereignisse treiben lassen, zu verborgenen Kontexten hinuntertauchen und am Horizont Rezeptionen späterer Zeiten anpeilen. Insofern scheint das Kalkül der GestalterInnen aufzugehen, und so habe ich mich auch gleich produktiv in die Geschichte der Malinche verzettelt, habe ausgehend von Ereignissen um die Eroberung des Aztekenreichs ihre Rolle bei den dabei auftretenden sprachlichen Kommunikationsproblemen und Missverständnissen erforscht und bin ihrem zwischen Idealisierung und Verteufelung schwankenden Bild durch die Jahrhunderte bis hin zu den künstlerischen Darstellungen des 20. Jahrhunderts und zur Ideologie der raza cósmica eines Vasconcelos gefolgt...

Doch dieses Bild des spontanen „Hinaussegelns“ im Sinne der GestalterInnen ist doch etwas zu einfach: ihm muss nicht nur ein inhaltlich eher sinnloses, küstennahes „Herumprobieren“ vorausgehen, um überhaupt einmal die Instrumente kennenzulernen – was selbstverständlich und nicht weiter problematisch ist –, ihm steht aber außerdem der Wunsch entgegen, auch inhaltlich einen groben Gesamtüberblick zu bekommen und ähnlich wie bei einem Buch mittels Durchblättern, Lesen des Inhaltsverzeichnisses und des Klappentextes Inhalt, Umfang und Aufbau grob abschätzen zu können. Ist dieses Bedürfnis nach Überblick – anstatt sich auf ein grundsätzliches Verständnis der Funktionsweise des Systems zu beschränken – an dieser Stelle überhaupt legitim, oder ist es bloß aus einem völlig anders strukturierten Medium übernommen? Ist es bloß ein hinderlicher, zu überwindender Anachronismus? Wird nicht gerade dadurch das wesentlich Neue, der Zusatznutzen des neuen Mediums versäumt, bringt man sich nicht dadurch selber um das Erlebnis des Entdeckens? Wie steht es demgegenüber aber um die Gefahr eines sinnlosen „Herumfahrens“?
Nun macht es einem die Flashversion trotz übersichtlicher Anordnung der Links nicht gerade leicht, inhaltlich einen gewissen Überblick zu bekommen und der gewiefte User wird bald die transparentere Textversion heranziehen, um den Erfindern in die Karten zu schauen. Auch hat es manchmal den Anschein, als würde hier mit Absicht eine gewisse Unübersichtlichkeit „aus ideologischen Gründen“ forciert. Dazu zwei Beispiele: Die auf der Ebene „Ereignisse“ auftauchende 18-teilige Themenleiste enthält die gleichen Themen, die auch unter „Kontexte“ vorkommen, nur werden sie dort um zehn weitere Themen erweitert und mit ihnen durcheinander gemischt. Durch die vermiedene Eins-zu-eins-Abbildung, durch die Ergänzung der elementaren Themenbereiche durch weitere, spezifischere Themen – man kann sich auch noch eine dritte Erweiterung hinzudenken: die der noch nicht gefundenen Themen – wird ein „Schein des Unendlichen“ erzeugt, der Anschein einer Erweiterbarkeit ins Unendliche. Im Hinblick auf die prinzipielle Offenheit des Systems, die tatsächlich mögliche Erweiterung des Themenkreises scheint mir diese Konstruktion auch stimmig, nur: warum wird sie nicht transparent gemacht? Was dagegen etwas ärgert, ist das Fehlen einer „Zurück“-Funktion – im Unterschied zur Textversion –, wodurch ein Rückweg mühsam über „Verlauf“ erfolgen muss. Damit werden formal gewisse Wege unterbunden, kurze Seitenwege, Abstecher, ein Zurückkommen auf etwas, das man glaubt gesehen zu haben und jetzt näher untersuchen will, ein Rückgriff auf etwas, das im Licht einer neuen Information reflektiert werden will. Wurde das bloß übersehen, oder steckt dahinter Absicht? Sollen etwa durch Abschneiden des Rückweges herkömmliche Suchgewohnheiten unterlaufen, soll einem zu zögerlichen Vorgehen entlang eines Hauptstranges, das eine falsche Sicherheit suggeriert, der Teppich unter den Füßen weggezogen werden? Doch solch technisch-„administrative“ Tricks wären gar nicht nötig, aufgrund des grundsätzlich überzeugenden Aufbaus sollte darauf vertraut werden, dass auch das Vertrauen des Users wächst und er/sie sich weiter hinauswagt.

Wie steht es aber nun tatsächlich um die Offenheit des Systems, die hier suggeriert werden und zu einer Erforschung „ohne Blick zurück“ anregen soll? Auch wenn es prinzipiell für unendlich viele Wege offen steht und immer wieder neue Wege entdecken, neue Geschichten erfinden lässt, sollte doch bewusst sein, dass dieser Raum möglicher Wege natürlich stark durch Entscheidungen der GestalterInnen geprägt ist: auf der einen Seite durch die Inhalte selbst und ihre Schwerpunkte, und auf der anderen Seite durch die Auswahl der Begriffe, unter denen die Verknüpfungen der Inhalte vorgenommen wird. Besonders dieser zweite Aspekt scheint mir wichtig, erscheinen diese Begriffe doch auf den ersten Blick nur als harmlose Hilfsmittel, die die Orientierung erleichtern, obwohl sie ohne Zweifel eine der stärksten Vorgaben darstellen. Diese Vorentscheidungen sind natürlich unvermeidlich, unter „Reflexionen“/Erfahrungsberichte wird darüber auch ausführlich diskutiert, ausschlaggebend ist jedoch, inwieweit die daraus resultierenden Strukturen, die den eingeschlagenen, wenn auch konkret nicht vorhersehbaren Weg entscheidend vorprägen, offengelegt oder verborgen werden. Das Fehlen einer strukturierten Gesamtübersicht über die eingesetzten Begriffe/Begriffspaare, aber auch die fehlende Offenlegung der inhaltlichen Schwerpunkte und ihres diskursiven Hintergrunds erscheinen mir in diesem Licht problematisch. Nur wenn sie offengelegt werden, werden sie angreifbar und können so problematisiert und in Frage gestellt werden.
Meine ursprüngliche Befürchtung, dass mir durch solche Festlegungen die kreative Arbeit „abgenommen“, die freie Assoziation quasi in einen maschinellen Vorgang hinein „entfremdet“ wird, hat sich allerdings nicht bestätigt. Auch wenn hier die Assoziation der GestalterInnen abgebildet und dadurch die eigene in bestimmte Geleise gelenkt wird, erscheint es doch vorerst unmöglich, sie auch nur teilweise zu ersetzen; die individuelle Assoziation wird im Gegenteil sogar eher unterstützt, angeregt, ausgeweitet – und fundiert. Allerdings fehlt ihr dort, wo sie aus Kapazitätsgründen an die Grenzen des Systems stößt und keine Weiterführung mehr möglich ist, ein wichtiger Anknüpfungspunkt: weiterführende Texte außerhalb des Systems. Die darin zum Ausdruck kommende Geschlossenheit des Systems ist aber nicht nur negativ zu sehen. Dadurch, dass sich das Projekt trotz suggerierter Entgrenzung in einem bestimmten thematischen Rahmen hält, wird die vor allem im „offenen“ Web bestehende Gefahr, dass die Verzettelung von einer produktiven zu einer unproduktiven wird, dass sie uferlos ausfranst, in hohem Maß verringert. Die Grenzen des Systems wirken also durchaus produktiv. Andererseits stört es aber, dass bestimmte Wege nicht weiterführen, ein Kompromiss könnte in der sorgfältigen Öffnung zur „Außenwelt“, zum Web bzw. gedruckten Text durch die Angabe von Links und Literatur an den offenen Enden des Systems gefunden werden, auch würde dadurch der Anspruch, sich mit anderen Medien sinnvoll zu ergänzen, an dieser Stelle eingelöst. Es ist mir bewusst, dass eine solche Erweiterung immens aufwendig wäre und dass es natürlich immer Erweiterungswünsche gibt, aber gerade an dieser Stelle erscheint mir eine Realisierung zumindest im Ansatz als sinnvoll.
Das richtige Gleichgewicht zwischen Offenheit und Geschlossenheit scheint mir überhaupt (nicht nur auf der Ebene der einzelnen Textbausteine, sondern auch auf der Ebene des Gesamtsystems) – neben der Transparenz – die entscheidende Frage zu sein. Diese Schlüsselfrage hat, soweit ich das beurteilen kann, pastperfect im Großen und Ganzen souverän gelöst.

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